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Aktuell! Notfallpsychologische Hinweise für Gespräche über belastende Nachrichten und Medienberichte in der Schule

Ukraine-Krieg, Naturkatastrophen, …

Aktuelle Medienberichte von Krieg und Naturkatastrophen können starke Belastungsreaktionen hervorrufen. Wie Pädagog:innen an Schulen damit umgehen, kann für Schüler:innen vorbildhaft sein und bestenfalls stabilisierend wirken. Wichtig ist, eine Balance zu finden zwischen dem konkreten Ansprechen von Tatsachen und Emotionen, ohne eine weitere psychische Destabilisierung zu bewirken.

 

Vor dem Thematisieren 

Klären Sie möglichst ab, ob einzelne Schüler:innen der Klasse direkt von den Ereignissen betroffen sind (Ähnliches selbst erlebt, Verwandte sind in Gefahr bzw. betroffen, …). Führen Sie in diesem Fall vor dem geplanten Thematisieren im Unterricht ein vorbereitendes Einzelgespräch. Manchmal sind diese Schüler:innen bereit, einen eigenen Bericht zur Verfügung zu stellen (ggf. begleitet durch die Familie). Manchmal tut es ihnen besser, in der Stunde nicht anwesend zu sein. Im Bedarfsfall sollten Sie beratende bzw. therapeutische Ansprechpartner in der Region kennen und weiterempfehlen.

 

1. Fakten benennen

Was ist tatsächlich geschehen? Aus welchen verlässlichen (!) Nachrichtenquellen kann man vielleicht auch gemeinsam Informationen zusammentragen und gegebenenfalls von Meinungen, Gerüchten, subjektiven Berichten in Social Media trennen? Was bedeutet das für Betroffene, für eine Region, für das Land? Welche realen Auswirkungen könnten die Schüler:innen der Klasse (nur) spüren?

Achten Sie hier auf altersgerechte Erläuterungen und Formulierungen, nutzen Sie konkrete Sprache ohne Metaphern, Gleichnisse, etc.

 

2. Gefühle benennen, Reaktionen normalisieren

Was haben die Schüler:innen gedacht und gefühlt, als sie das erste Mal davon erfuhren? Wie geht es ihnen jetzt, wie fühlen sie sich? Was lösen vor allem dramatische Bilder oder subjektive Schilderungen bei den Schüler:innen aus? 

Ermöglichen Sie Schüler:innen, ihre individuellen Gefühle zu formulieren – Vielfalt darf hier sein und sollte nicht pädagogisch bewertet werden. Von starken Ängsten bis hin zu Gleichgültigkeit oder einer eher ablehnenden Einstellung ist alles möglich und erst einmal aussprechbar. In dieser Phase können auch verschiedene Verarbeitungskanäle genutzt werden (malen, schreiben, erzählen, etc.). 

Erfahrungsgemäß hilft es Schüler:innen zu hören, wenn Pädagog:innen eigene Gefühle schildern und darüber informieren, dass alle Reaktionen menschlich und normal sind, wenn man von solch außergewöhnlichen Ereignissen erfährt. 

Manchmal treten Stressreaktionen sofort auf, manchmal erst nach Stunden oder einigen Tagen. Eine solche Zeitverzögerung ist normal. Das Auftreten und die Dauer dieser Veränderungen ist individuell sehr verschieden – je nachdem, wie belastend der Betroffene das Ereignis selbst empfunden hat. 

In der Regel bewältigen auch stark emotional Betroffene die Situation nach einiger Zeit selbst. Mit Verständnis und Unterstützung des sozialen Umfelds gehen die Reaktionen rascher zurück. Es kann aber auch hilfreich sein, professionelle Unterstützung von Ärzt:innen oder Psycholog:innen in Anspruch zu nehmen.  

Diese Stressreaktionen nach sehr belastenden Ereignissen sind normal und können gehäuft auftreten: 

  • Körper: Erschöpfung, Müdigkeit, Übelkeit, Benommenheit, Kopfschmerzen, Schlaflosigkeit
  • Gedanken: Nervosität, Konzentrationsschwierigkeiten, Sich aufdrängende Erinnerungen an das Erlebte, Alpträume, Unsicherheit, Erhöhte Wachsamkeit
  • Gefühle: Angst, Panik, Niedergeschlagenheit, Wut, Hilflosigkeit, Schuldgefühle, Stimmungsschwankungen
  • Verhalten: sich zurückziehen, Schweigen, plötzliches Weinen, Appetitverlust oder –zunahme, Unruhezustände, Gereiztheit

 

3. Bewältigung mobilisieren, in hilfreiches Handeln kommen

Diese Phase sollte zeitlich am umfangreichsten sein. Nun ist das Ziel, die vielfältigen Bewältigungsfähigkeiten und Handlungsoptionen der Schüler:innen zu mobilisieren. Die Fragen hier können sein: 

Was hilft, wenn es mir nicht gut geht? Was hat schon einmal geholfen? Was tut mir bzw. uns als Klasse jetzt gut? Wie können wir hilfreich sein? Sammeln Sie ruhig ganz viele verschiedene Strategien und Ideen, je mehr, desto besser. 

 

Folgendes kann unterstützend wirken: 

  • stabilisierende Rituale, vertrauensfördernde Handlungen (Wünsche formulieren, Kerze anzünden, Ballons fliegen lassen, Baum pflanzen, etc.)
  • Emotionen annehmen, besprechen (auch Tagebuch schreiben, dichten, malen, etc.)
  • Gemeinschaft stärken (Gespräche führen, aufeinander acht geben, sich gegenseitig stützen, sich gemeinsam Gutes tun)
  • Ablenkung finden (Lesen, Filme schauen, Spielen, Musik machen, Musik hören, Nachrichten bewusst nicht ständig nutzen, etc.)
  • Dinge vorplanen, sich auf Geplantes vorbereiten (strukturierende Alltagstätigkeiten beibehalten, vielleicht auch einen Spendenbasar, eine Benefiz-Aufführung, Hilfen für Geflüchtete, etc.)
  • sich körperlich Gutes tun (ausreichend und regelmäßig essen, trinken, schlafen; Sport, frische Luft, Entspannung, Ruhe, Körperpflege, Spaziergänge, etc.)

 

4. Lösungsorientierung beibehalten

Schüler:innen merken schnell, wenn man sie mit oberflächlichen Antworten „abspeisen“ möchte oder ehertabuisiert. Dies verstärkt die Sorge in der Regel. Wesentlich empfehlenswerter sind Authentizität und Ehrlichkeit. Niemand von uns kann voraussagen, wie weit Kriegsführer noch gehen werden, wie lange eine Krise dauert oder wohin etwas noch führt. Auch uns als Professionelle besorgt dies und wir dürfen dies aussprechen. Und dann? Ins Handeln kommen! Für jeden Menschen ist es wichtig, sich auf Auswege und Lösungen zu fokussieren. Der Gaspreis steigt, das Benzin wird teuer? Kann man das Thema "Sparen" oder "Nachhaltigkeit" im Unterricht einbauen? Wie weit geht der Krieg, werden wir angegriffen? Vielleicht kann man die Themen "NATO-Staaten", "Notfallvorsorge" (siehe https://www.bbk.bund.de/) oder die Sinnhaftigkeit der WarnApp NINA besprechen?

Entscheidend ist: "Was immer passiert, es gibt Lösungen, auch wenn sie nicht sofort allumfassend und perfekt sind, aber viele werden ihr Mögliches tun."

 

Text: Dr. Viktoria Munk-Oppenhäuser

Leiterin des Thematischen Arbeitskreises Krisenintervention und Psychosoziale Notfallversorgung Thüringen, Schulpsychologischer Dienst

Notfälle und Besondere Vorkommnisse an Schulen

"Es liegt in unser aller Verantwortung, dass Schulen sichere Orte sind und es liegt in unserer Verantwortung, alles Erdenkliche zu tun, um Notfälle zu vermeiden. Dazu gehört auch eine gute Vorbereitung auf Krisensituationen. Es ist wichtig, dass sich die Schulgemeinschaft vorab gezielt vorbereitet, um im Krisenfall den Überblick zu bewahren, rasch und professionell zu handeln."

Ch. Matschie, ehem. Bildungsminister im August 2014

Psychosoziale Notfallversorgung durch den Schulpsychologischen Dienst

Mit der Einführung des Thüringer Materials zum Umgang mit Notfällen und Besonderen Vorkommnissen an Schulen bekamen Schulleitungen und Kollegien neben der vorgeschriebenen Erste-Hilfe-Ausbildung wichtige Handlungshinweise an die Hand, um in schulischen Notfällen schnell und hilfreich bzw. deeskalierend handeln zu können. Diese Materialien sind für pädagogische Fachkräfte in den Schulen einsehbar bzw. wurde ein praktisches kleines Heft an alle Beschäftigten ausgegeben. 

Schulleitungen können im Schulpsychologischen Dienst Unterstützungsbedarf für Besondere Vorkommnisse, also z.B. schwere Schulwegunfälle, Konflikteskalationen oder auch Unfälle im Unterricht bis hin zu Todesfällen, anzeigen. Über die sogenannte "Sofortmeldung" der Schule an die Poststelle des Staatlichen Schulamtes Ostthüringen wird bei angekreuztem Bedarf u.a. der/ die jeweilige an diesem Tag diensthabende*n Referent*in für Schulpsychologie informiert, der bzw. die sich schnellstmöglich telefonisch mit der Schulleitung in Kontakt setzt.

Die Ziele unserer Hilfen sind in diesen Fällen:

  • Prävention von psychosozialen Belastungsfolgen
  • Früherkennung von psychosozialen Belastungsfolgen
  • Bereitstellung von adäquater Unterstützung und Hilfe für betroffene Personen und Gruppen zur Erfahrungsverarbeitung
  • ggf. Überleitung in die angemessene Behandlung von Traumafolgestörungen

Typische Hilfen können dann unter anderem sein: 

  • telefonische Erstanalyse des Geschehens und Coaching der Schulleitung zu weiteren nötigen Schritten
  • Coaching des schulinternen Krisenteams bzw. des Kollegiums zum Umgang mit betroffenen Schüler*innen bzw. Klassen
  • entlastende Gespräche mit notfallbetroffenen Einzelpersonen oder Gruppen/ Klassen
  • Empfehlung regionaler Helfer und passender Materialien

 

Ausbildung schulinterner Krisenteams:

Gern trainieren wir auch das schulinterne Krisenteam oder das Kollegium vorbereitend auf schulische Notfallsituationen. Themenschwerpunkte sind hier die verschiedenen Notfallereignisse, die in Schulen auftreten können, stabilisierende Informations- und Kommunikationsstrategien, entlastende Gruppengespräche und die eigene Psychohygiene.

Für eine konkrete Veranstaltungsplanung rufen Sie uns einfach gern an! 

    

Links zu externen Partner*innen und fachlichen Websites

Flyer BBK: "Mit belastenden Ereignissen umgehen"

pdf-Flyer (nicht barrierefrei)

 

Flyer BBK: "Wenn Kinder ein Unglück miterleben"

pdf-Flyer (nicht barrierefrei)

 

Traumaambulanzen Thüringen für Opfer von Gewalt

Flyer Traumaambulanzen (pdf, nicht barrierefrei)

 

Opferhilfeeinrichtungen in Thüringen

https://justiz.thueringen.de/themen/opferhilfeundopferschutz/einrichtungen 

 

Weißer Ring Thüringen

https://thueringen.weisser-ring.de/ 

 

Landeszentralstelle Psychosoziale Notfallversorgung

https://innen.thueringen.de/wir/landeszentralstelle-psnv 

 

Koordinierungsstelle Nachsorge-, Opfer- und Angehörigenhilfe NOAH (BBK)

https://www.bbk.bund.de/DE/AufgabenundAusstattung/Krisenmanagement/PsychKM/NOAH/NOAH_node.html 

 

Bundesverband Verwaiste Eltern und trauernde Geschwister in Deutschland e.V.

https://www.veid.de/ 

 

Angehörige um Suizid AGUS e.V. 

https://www.agus-selbsthilfe.de/info-zu-suizid/ 

 

Broschüre UNHCR: "Flucht und Trauma im Kontext Schule"

Broschüre 

 

Broschüre IRC: "Healing classrooms"

Broschüre 

 

Informationen für Eltern und Erziehende zum Krieg in der Ferne und der Angst zu Hause

Informationsbrief (pdf-Datei, nicht barrierefrei)

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