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Die Kunst des Zuhörens - Zeit zum Denken schenken. Newsletter „Schulentwicklung, Lehrerbildung und Schulpsychologischer Dienst“


Erstellt von Staatliches Schulamt Ostthüringen

Die Kunst des Zuhörens: Möglicherweise inspiriert durch einige Beobachtungen während des Jahreswechsels beschäftigt sich unser aktueller Newsletter mit der Kunst des Zuhörens – beginnend beim Können des Ohrs und endend bei einem Angebot für Ihr Kollegium. Denn: „Für die zwischenmenschliche Kommunikation ist Hören (und Sprechen) wichtiger als Sehen!“


„Für die zwischenmenschliche Kommunikation ist Hören (und Sprechen) wichtiger als Sehen!“ (Uniklinikum Jena, Prof. Dr. O. Guntinas-Lichius)
 

Das Universum des Hörens
Geräusche unterschiedlichster Art strömen täglich gleichzeitig auf uns ein. Sofern wir ein gesundes Gehör besitzen, die auditive Wahrnehmung und Verarbeitung funktioniert und es uns gut geht, nehmen wir die Ge- räusche innerhalb der menschlichen Hörgrenze auf. Wir lokalisieren ihre Herkunft und filtern Sprachsignale aus allen anderen Geräuschen heraus. Wir identifizieren und differenzieren ähnliche Laute („d“ vs. „t“), kom- binieren diese zu Worten und Sätzen, erfassen bestenfalls ihren Sinn und merken sie uns kurzfristig in unse- rem Arbeitsgedächtnis. Doch mit diesem, in der Regel unter- bzw. vorbewussten Geschehen beginnt erst der noch komplexere Prozess der Informationsverarbeitung.

Vom Hören zum Zuhören als Kulturtechnik
Bewusst Zuhören kann nur, wer das Gehörte in einen Sinnzusammenhang bringen kann und seine Aufmerk- samkeit gezielt ausrichtet. Im sensorischen Speicher unseres Hirns wird das Gehörte kategorisiert. Nur die für uns scheinbar wichtigen Informationen werden in einen speicherbaren Code transformiert (encodiert). Dann folgt die bewusste Qual der Wahl: Was von all dem Gehörten in einem langen Gespräch ist wirklich wichtig? Wie filtere ich, worauf fokussiere ich mich? Hier spielt meine sogen. Hörerwartung eine Rolle und Faktoren wie Störgeräusche, Nebengespräche, Dialekt/ Fremdsprache, zu schnelles/ langsames Sprechen, sehr starke eigene Emotionen oder kognitive Irritationen (siehe Abbildung).
In einem weiteren Schritt kombinieren wir Gehörtes mit eigenem Vorwissen. Wir sortieren das Gehörte, kom- binieren Altes mit Neuem, versuchen zu verstehen: wir elaborieren. Selbst die dann im Langzeitgedächtnis gespeicherten Inhalte unterliegen weiteren Prozessen: ich prüfe, ob es stimmen kann, was ich behalten habe oder ob es alternative Erklärungen, ich bilde mir Meinungen, gleiche Gehörtes mit meinen Werten und Per- spektiven ab, etc.
Hören ist pure Gegenwart, ein zweites Mal Hinhören ist ohne Wiederholung des Gesagten nicht möglich. Zuhören kann und muss also trainiert werden. Methoden und Übungen, wie man im Unterricht mit Schüler:in- nen das Zuhören trainieren kann, finden Sie z.B. auf der sehr umfangreichen Plattform der Stiftung Zuhören.
Von der Kulturtechnik zur Kunst des Zuhörens
Jede:r von uns weiß, dass schon die o.g. Prozesse sehr regelmäßig dazu führen, dass Zuhörende aus Sicht der Er- zählenden Dinge nicht, falsch oder völlig miss-verstehen. Als Pädagog:innen sind Sie Expert:innen dafür, diese Ver- stehensprozesse im Unterricht positiv zu beeinflussen.
In Ihrer Rolle als Gesprächspartner:innen in Elterngesprächen, Gesprächen zur Lernentwicklung, zu Kindeswohlgefährdung, zu Besonderen Vorkommnissen, etc. kommen aus Sicht der Kommunikations- und Beratungspsychologie noch weitere Ebenen hinzu. Hier fragt man sich, wie Men- schen vom einfachen Verstehen von Sachinformationen in einer gemeinsamen Sprache hin zu einem gegenseitigen tiefen emotionalen Verständnis füreinander kommen kön- nen.
  
Psychologisch gesehen hören wir in Gesprächen nicht nur den Informationen und Erzählungen unseres Ge- genübers zu. Wir hören auch darauf, wie wird etwas erzählt – mit welcher Stimmlage, welchem Tempo, chro- nologisch oder sprunghaft, von welchen Emotionen begleitet, mit welcher Wortwahl, welchen sprachlichen Bildern? Weiteres „Zuhören“ geschieht durch Beobachten: Atmung, Mimik, Gestik, Körperhaltung, Bewegun- gen, Seufzer, Schweigen, etc. Wir fragen uns, was das Erzählte für den Erzählenden auf der emotionalen Ebene bedeutet.
Gute Zuhörer:innen bauen eine Verbindung auf und vermitteln uns das Gefühl, gehört zu werden. Gutes Zuhören schafft in seltenen, wertvollen Momenten sogar Raum für das, was noch nie zuvor erzählt wurde. Denn gleichzeitig zum Gesagten gibt es bei vielen von uns noch eine parallele Welt (siehe Rogers et al.):

  • das Ungesagte (Was wird nicht gesagt? Was fehlt?),
  • das Unsagbare (Was ist schwer zu sagen? Was wird nur angedeutet? Worüber wird geschwiegen?)
  • und das Unaussprechliche (Was kann aus Gefahrgründen nicht gesagt werden? Was ist tabu?).

Erzählpausen sind wichtig, wir benötigen sie zum Nachdenken und zum innerlichen Vorformulieren und den- noch fällt es Zuhörenden oft schwer, sie ohne Reaktion auszuhalten. Bisher nicht Erzähltes kann nur in Worte gebracht werden in Gesprächssituationen mit hohem empfundenen Schutz und hoher Sicherheit. Es kann quasi zum Noch-nicht-Gesagten reifen. Diese Aspekte werden schulisch spätestens im Bereich Kinderschutz relevant und zeigen, wie wichtig für Psycholog:innen, Sozialpädagog:innen und Beratungslehrer:innen die gesetzliche Schweigepflicht ist.


Wenn wir sehr achtsame Zuhörer:innen sind, fragen wir uns sogar ab und an, was bewirkt das Gehörte in mir selbst als Zuhörer:in (körperlich, gedanklich, emotional), wie stark identifiziere ich mich damit und was heißt das vielleicht bezüglich unserer Beziehungsebene, unserer Erwartungen, meiner Rolle und des weiteren Ge- sprächsverlaufs? Eine gute Balance zwischen Empathie und Distanz ist wichtig. Dies sind oft auch supervi- sorische Themen.


Durch kompetenteres Zuhören zu besserem gemeinsamen Denken
Gemeinsame Verständigung ist ein konstruktives, zirkuläres Resonanzgeschehen. Das, was ich im nächsten Augenblick sagen werde ist abhängig davon, wie mein:e Zuhörer:in agiert und bestenfalls bringt es sogar uns beide auf neue Ideen, Gedanken und Lösungen, auf die wir allein nicht gekommen wären. Menschen öffnen sich leichter und werden wesentlich kreativer im Entwickeln von Lösungen, wenn ihr Gegenüber fähig ist, eine demütige Haltung des Nicht-Wissens einzunehmen (statt „das kenn ich, da mache ich dann immer...“ ). Interesse am anderen und Offenheit gegenüber dessen Gedankenwelt ist immens wichtig – möglichst urteils- und hypothesenfrei. Dies ist eine intensive mentale Arbeit, da wir im schulischen Bereich gewohnt sind zu kategorisieren, zu beurteilen und zu diagnostizieren.

Wenn Sie Neues ausprobieren möchten
Nancy Kline hat ein äußert spannendes und leicht umsetzbares Training entwickelt, das Arbeitsteams helfen kann, in eine konstruktivere, denken-förderlichere Arbeitskultur zu kommen. Die Basis ist tatsächlich das Trainieren einer besonderen Art des Zuhörens. Und es geht um so spannende Fragen wie: „Was ist ungünstig am aktiven Zuhören?“ „Warum helfen Ich-Botschaften nicht immer?“ „Wann sind Zusammenfassungen des Gesagten, Wiederholen, etc. kontraproduktiv?“ „Wann ist Schweigen besser als Fragen?“ ...Und was hat das alles mit Achtsamkeit und Respekt zu tun?
Wir sind schon seit einer Weile begeistert von diesem Ansatz und verstehen uns gleichzeitig als Übende und Lehrende, um diesen Ansatz weiter zu schenken. Wenn Sie den „Time to Think“-Ansatz in Ihrem Kollegium oder Ihrer Fachschaft ausprobieren möchten, sprechen Sie den Schulpsychologischen Dienst gerne an. Persönlich kann ich ein kleines Starterpaket anbieten: Für den Anfang genügen Ihre Motivation und viermal 90 min teaminternes Training innerhalb eines Schuljahres. Und vielleicht können Sie damit Ihren Schüler:in- nen ein noch besseres Vorbild sein ;-)

Ihre Dr. Viktoria Munk-Oppenhäuser  

Quellen:

div. Artikel der Ausgabe 1/2019 Bd. 50 Zeitschrift „Kontext. Zeitschrift für systemische Perspektiven“, Vandenhoeck & Ruprecht: Göttingen.

www.timetothink.com

https://www.stiftung-zuhoeren.de/

Link pdf-Datei des gesamten Newsletters (nicht barrierefrei)

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